Nicholas Georgescu-Roegen (1906-1994): Entropie

Gastbeitrag von Marc Hieronimus

Nicholas Georgescu-Roegen (NGR) ist 1906 in Rumänien geboren. Bereits 1930 promovierte er als Mathematiker an der Sorbonne in Statistik. Nach zwei Jahren in London wurde er Professor in Bukarest, ging aber bald für zwei weitere Jahre nach Harvard, wo ihn die Begegnung mit Joseph Schumpeter zum Fachwechsel bewegte. Von Ende der 1930er Jahre bis Anfang 1948 war er als Wirtschaftswissenschaftler wieder in Rumänien tätig, sah sich dann aber zur Emigration in die USA gezwungen, wo er von 1949 bis 1976 eine Wirtschaftsprofessur an der Vanderbilt-Universität in Nashville innehatte. Erst gegen Ende seiner Universitätslaufbahn erschienen seine drei großen Bücher Analytical Economics (1966), The Entropy Law and the Economic Process (1971) und Energy and Economic Myths (Aufsatzsammlung, 1976). Vor dem Hintergrund der entstehenden Umweltbewegungen der 1960er Jahre, des Meadows-Reports von 1972 („Die Grenzen des Wachstums“) und der Energiekrise 1973/74 gewannen seine Schriften große Aufmerksamkeit und wurden insbesondere auf Französisch übersetzt, weshalb NGR in diesem Sprachraum als einer der wichtigsten Vorläufer der Décroissance verstanden wird. Obwohl – oder weil? – seine Thesen das gesamte westliche Wirtschaften naturwissenschaftlich fundiert ad absurdum führen und implizit sein baldiges Ende vorhersagen, war er zum Zeitpunkt seines Todes 1994 so gut wie vergessen.

Ein alter Hut: Die Grenzen des Wachstums

Es leuchtet jedem Grundschulkind ein, die Weisen aller Zeiten pfiffen es von den Dächern, es ist fast zum running gag des Umweltbewegten geworden: Unendliches Wachstum auf einem endlichen Planeten ist unmöglich, „erst wenn der letzte Baum gerodet ist“ undsoweiter. Angesichts der düster und von „grünen“ Wahlerfolgen unberührt fortschreitenden Rohstoff- und Naturvernichtungen sollte heute jedem Menschen bei Verstand der Wirtschaftsirrsinn unserer kurzlebigen Zeit bewusst sein, und vielleicht ist das sogar so. Aber zwischen dem Sagen und dem Handeln liegt ein Meer, wie der Italiener sagt. Schon Bernard Charbonneau und Jaques Ellul haben sich angesichts des Offensichtlichen gewundert, wie schwer es ist, selbst einsichtige Menschen zum notwendigen radikalen Wandel zu bewegen. Der menschliche Hang zum Konformismus ist das eine: Jeder handelt wie die anderen. Dann haben wir natürlich (lies: selbstverständlich und „zweitnatürlich“) das immerzu wachsende Medienspektakel mit seinen neuesten Ausformungen Smartphone und U-Bahn-Bildschirm, das systemkritische oder eigentlich jedwede transzendierende Gedanken nahezu unmöglich macht. Und nicht zuletzt hat sich die Ökonomie mangels fundierten Widerspruchs über die Jahrzehnte zu einer Geheim„wissenschaft“ entwickelt, die zwar in ihren Grundsätzen von jedem Bachelorstudenten heruntergebetet, aber in ihren Ausformulierungen und Anwendungen selbst von ihren Akteuren nicht mehr durchschaut werden kann, und so soll es ja auch sein: Es gibt nichts zu sehen, gehen Sie weiter, die Experten kümmern sich um alles. Die Wirtschaftswissenschaft steht da wie ein hermetischer Block, den es wenn nicht mit dem in Misskredit geratenen theoretischen Instrumentarium des Marxismus am besten von innen zu sprengen gälte. Nun, diese Bombe tickt seit nunmehr rund fünfzig Jahren im Werk NGRs. Was sagt er?

Entropie

Die Explosivität der Thesen NGRs liegen in ihrer naturwissenschaftlichen Unabweisbarkeit. Weite Teile der Wirtschaftstheorie haben interessanterweise mit der echten Welt wenig am Hut. Vilfredo Pareto z. B. ist bekannt für seinen Vergleich, dass der Seefahrer für seinen Beruf auf geographische Kenntnisse angewiesen sei und nichts von der Biologie der Meere wissen müsse. Zwar spricht die Ökonomie scheinbar realistisch von Märkten, Preisen, Gleichgewichten usw., aber die ihnen zugrundeliegenden materiellen Gegebenheiten spielen in ihr keine Rolle. Weil sich das Marktgeschehen aber nun einmal nicht auf dem Papier, sondern in der einen realen Welt abspielt, besteht durchaus ein Zusammenhang. Der Kapitän kann zwar theoretisch auch über tote Meere (wie das wenig belebte Tote Meer) schippern, ohne sich um die biologischen Zusammenhänge unter seinem Kiel zu scheren, aber die Menschheit ist auf die sich selbst reproduzierende Natur und spätestens seit Ende der Steinzeit auch auf nicht-reproduktive Rohstoffe angewiesen, und nur solange sie verfügbar sind, kann sie weiterleben. Ohne Meer sitzt auch das Schiff auf dem Trockenen und alle Nautik ist nutzloses Wissen. Das Denken seiner Fachkollegen entlarvte NGR v. a. als mechanistisch. Im Grunde ist in der bis heute vorherrschenden Neoklassischen Ökonomie wie noch in der Newtonschen Physik jeder Vorgang umkehrbar. Ja, gerade im Moment der „Carnot’schen Revolution“ hat die Neoklassik mit ihrem Regeldenken ihre bis heute den Studenten eingeimpfte Ausformulierung erfahren.

Nicolas Sadi Carnot hat sich bereits 1824 mit der Effizienz von Dampfmaschinen befasst und damit das Fundament für die Wärmelehre gelegt, die dann von Clausius, Helmholtz, Boltzmann und anderen weiterentwickelt wurde. Die Sätze der Thermodynamik lassen sich grob vereinfacht wie folgt zusammenfassen:

  • Energie bleibt erhalten.
  • Prozesse haben eine Richtung; die Entropie kann nicht abnehmen.
  • Der absolute Nullpunkt (-273,15° Celsius, 0° Kelvin) kann nicht erreicht werden.

Der Begriff der Entropie ist dem Laien nur bedingt zugänglich. Er hat sich in den Siebzigern überhaupt nur als eine Art Modewort verbreiten können, weil er zu wenig verstanden wurde. Im physikalischen Sinne bezeichnet er die Verfügbarkeit von Energie. Auch nach der Arbeit der Dampfmaschine oder dem Schmelzen des Eiswürfels ist die Energiebilanz exakt gleich, die Menge der verfügbaren Energie aber sehr viel geringer bzw. gleich null. Der theoretisch mögliche Weg zurück ist ohne Energiezufuhr von außen nicht möglich oder allenfalls extrem unwahrscheinlich; Carnots Denkanstoß war ja die alltägliche, aber ungemein weitreichende Beobachtung, dass Wärme(energie) immer vom Wärme- zum Kältepol fließt und also eine Richtung hat.

NGRs Verdienst ist es nun erstens, das Materieproblem in die Wärmelehre gebracht zu haben. Manche sprechen von einem Vierten Satz der Thermodynamik, der (wieder grob vereinfacht) besagt, das Materie zum Chaos tendiert. Ein Klotz Gold bleibt wenn nicht für ewig, so doch über Jahrmillionen ein Klotz Gold, unbestritten; durchs Weltall fliegen Gesteine, die enstanden sind, als sich auf der Erde noch kein Einzeller regte, und sind bis heute beinah unverändert. Geldstücke oder Autoreifen aber nutzen sich ab, und nichts und niemand kann sie wieder aus derselben Materie in den Urzustand zurückversetzen. Und das gilt für alles, was wir in die Hände nehmen, denn ein bisschen Schwund ist bekanntlich immer. Vergessen wir Recycling, „cradle to cradle“ und die ganze Idee von Rohstoffkreisläufen: Schon für einen Stillstand der menschlichen Wirtschaftsweise, für ein Null- oder Negativwachstum brauchen wir immer neu aus der Erde zu extrahierende Rohstoffe, die spätestens im nächsten Jahrhundert nicht und dann nie mehr zur Verfügung stehen.

Und das ist sein zweites Verdienst, nämlich die Verankerung des Entropiegedankens in den Wirtschaftswissenschaften: Wachstum oder überhaupt nur Weiterwirtschaften wie gewohnt ist aus naturwissenschaftlichen, materiellen, existenziellen Gründen unmöglich. NGR ging es anders als Marx, den er als Ökonomen durchaus schätzte, nicht um Freiheit und Gerechtigkeit. Seine Schriften, aber auch sein Lebenslauf weisen ihn diesbezüglich als völlig unpolitischen Denker aus. Das macht ihn aber nur unbequemer. Er beweist mit dem trockenen Kalkül des Mathematikers unwiderlegbar und (jedenfalls in seinen zwei späteren Büchern) leicht verständlich, dass die industrialisierte Menschheit auf einem selbstzerstörerischen Irrweg ist. Alles, was Menschen seit der Entdeckung der ersten Metalle an Rohstoffen aus der Erde geholt haben, ist unwiederbringlich verloren. Ein paar Zentner davon mögen noch in Museen oder Gräbern schlummern, aber wenn der Durchschnittsdeutsche heute irgendetwas kauft – das vierte Smartphone, das sechste Auto, oder einfach nur die in Plastik verpackten Zutaten für sein Abendessen –, schöpft er automatisch aus dem endlichen Vorrat an Rohstoffvorkommen. Was passiert, wenn diese zuende gehen?  NGR fasst es wie folgt zusammen:

The race of economic development that is the hallmark of modern civilization leaves no doubt about man’s lack of foresight. It is only because of his biological nature (his inherited instincts) that man cares for the fate of only some of his immediate descendants, generally not beyond his great-grandchildren. And there ist neither cynicism nor pessimism in believing that, even if made aware of the entropic problem of the human species, mankind would not be willing to give up its present luxuries in order to ease the life of those humans who will live ten thousand or even one thousand years from now. Once man expanded his biological powers by means of industrial artifacts, he became ipso facto not only dependent on a very scarce source of life support but also addicted to industrial luxuries. It is as if the human species were determined to have a short but exciting life. Let the less ambitious species have a long but uneventful existence.

Landwirtschaft

Die Modelle der neoklassischen aber auch der marxistischen Wirtschaftswissenschaft erweisen sich bei der Beschreibung der Landwirtschaft als unbrauchbar; die Ökonomie ist als Wissenschaft in den Städten entstanden und hat sich vor NGR wenig um das Land gekümmert. Insbesondere an der Entwicklung der kommunistischen Länder zeigt er auf, dass Marx’ Vorhersagen nicht zutrafen. Dörfer haben über Jahrhunderte geradezu geschichtslos existieren können, weil sie aus heutiger Sicht „unwirtschaftlich“ waren: Sie banden die gesamte Bevölkerung in die (land)wirtschaftlichen Prozesse mit ein, obwohl rein rechnerisch nur ein Bruchteil der Menschen für den gleichen Ertrag notwendig gewesen wäre. Ökonomen rechnen heute jedem Kleinbetrieb vor, dass er untergehen müsse, wenn er seine Abläufe nicht optimiert, will sagen: aus der kleinstmöglichen Zahl an Mitarbeitern das Größtmögliche herausholt. Die Landbevölkerung – bis zu Beginn des 19. Jhdts. mehr als 90% – konnte sich strukturell halten, gerade weil sie nicht auf Effiziensteigerung ausgerichtet und außer in Krisenzeiten auch nicht zu ihr gezwungen war.

Die kommunistische wie kapitalistische Industrialisierung der Landwirtschaft im 20. Jahrhundert ist schon vor diesem Hintergrund nichts weniger als verheerend. Der Großteil der Menschen Europas lebte Jahrhunderte, etwas abstrakter gedacht sogar Jahrtausende ohne einschneidende Veränderungen von den Feldern und allem, was die nicht oder kaum bewirtschafteten Wälder, Wiesen und Gewässer hergaben. Was die Einhegungen des Früh- und die Sog- und Schubfaktoren des Hochkapitalismus nicht vermochten, hat spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg die Dünge- und Maschinenindustrie bzw. letztlich wieder nur der Kapitalismus in einer weiteren Volte erledigt, nämlich teils die Entvölkerung, teils die Verstädterung des Landes um den Preis unserer vollständigen Entfremdung von der Natur sowie der Basis unserer Existenz, eben der Landwirtschaft. Viehzucht und Gemüseanbau sind heute „Sektoren“ wie Industrie und Dienstleistung, nur wirtschaftlich weit weniger bedeutend.

Die heute falsch als „herkömmlich“ bezeichnete industrielle Landwirtschaft, die unsere transnationalen Unternehmen ebenso wie die mehr oder minder demokratisch gewählten Regierungen seit Jahrzehnten weltweit mit den gröbsten finanziellen und kriegerischen Mitteln durchsetzen, ist aber bekanntlich mittel- wie langfristig auch ökologisch unhaltbar. Auch hier war NGR äußerst hellsichtig. Artensterben und Bodenvernichtung durch chemische Dünger und Ackergifte waren zwar noch nicht sein Thema, da sind andere Autor_innen wie Annie Francé-Harrar wiederzuentdecken. NGR dachte im sehr viel größeren Maßstab der Entropie und des Ressourcenvorkommens. Die seit der letzten Eiszeit vor über 10.000 Jahren betriebene Landwirtschaft lief rund: Sie ernährte Tiere und Menschen, die ihre Ausscheidungen als Dünger zurück auf die damals noch wahrhaft nachhaltig bewirtschafteten Felder brachten. Indem wir uns und die „zurückgebliebenen“ Länder von Traktoren, Benzin, chemisch erzeugten Dünge- und sogenannten Schädlingsbekämpfungsmitteln bis hin zu genmanipulierten Pflanzen, Navigationsgeräten, Bestäubungsdrohnen usw. abhängig machen, stellen wir die Ernährung der Spezies Mensch auf die tönernen Füße der schon allzu bald endenden Versorgung durch begrenzte und nur einmal zu verwendende Rohstoffe. Die Agrarindustrie und die einschlägigen (mehr und mehr von ihr finanzierten) Wissenschaften bewerben ihre Arbeit als Lösung der Ernährungsfrage, dabei führen sie geradewegs in den Abgrund gigantischer Hungersnöte und Rohstoffkriege.

Exosomatische Evolution und Bioökonomie

Schon seit lange vor dem Übergang zu Ackerbau und Viehzucht nutzt der Mensch “exosomatische“ Hilfen, also Werkzeuge, die nicht zu seinem Körper gehören. Diese Entwicklung, die ihn von sämtlichen anderen irdischen Lebewesen unterscheidet, hatte und hat erhebliche Konsequenzen. NGR sieht erstens jeglichen sozialen Konflikt darin verankert, was nicht wenig ist, denn Kriege gibt es bei den Tieren nicht: „The periodic killing of a great part of the drones by the bees is a natural, biological action, not a civil war.“

Zweitens und vor allem aber sind wir abhängig von unseren Prothesen und damit von Stoffen, die nur eine begrenzte Zeit verfügbar sind. Ein dauerhafter Mangel an Metallen würde über kurz oder lang das Ende des Transports, der Kommunikation und beinah aller heutiger Zaubereien bedeuten – jedenfalls in ihrer aktuellen Form. Ein Stocken des Energieflusses würde sofort zu Hungersnöten in sämtlichen Großstädten der Erde führen. Beides wird aber kommen. Die Lehre aus diesen Überlegungen liegt auf der Hand: Wenn nur die Sonne dauerhaft Energie liefert und nur nachwachsende Rohstoffe dauerhaft verfügbar sind, ist der einzige Weg der Zukunftssicherung der Spezies Mensch in der heutigen Form die völlige Abkehr von Erdöl, Metall und überhaupt allem nur endlich Verfügbaren. Ist das möglich? NGR hat auch dazu einige Überlegungen angestellt. Zunächst stellt der Wirtschaftswissenschaftler fest, dass Marktmechanismen die Energie- und Rohstofffrage nicht lösen können, es müsse gesetztliche Regulierungen geben. Seinem bioökonomischen Minimalprogramm stellt er voran:

It would be foolish to propose a complete renunciation of the industrial comfort of the exosomatic evolution. Mankind will not return to the cave or, rather, to the tree.

Was er dann vorschlägt, ist utopisch genug: Verzicht auf Waffenproduktion; Anhebung des Lebensstandards der unterentwickelten Länder, Senkung des unseren auf ein nicht luxuriöses sondern nurmehr auskömmliches Niveau; Reduktion der Weltbevölkerung auf eine Zahl, die nach heutigen Begriffen „biologisch“, d. h. ohne Chemie ernährt werden kann; Vermeidung und wenn nötig Verbot aller Energieverschwendung; Verzicht auf „gadgets“ aller Art, NGR stört sich v. a. an großen Autos; Abschaffung der Mode, insbesondere bei Inneneinrichtungen; Herstellung dauerhafter und reparierbarer Güter; und letztlich – Entschleunigung:

We must come to realize that an important prerequisite for a good life is a substantial amount of leisure spent in an intelligent manner.

Manch diskussionsgewohnte Antikapitalistin mag an dieser Stelle zum wiederholten Male müde gähnen: Selbstverständlich wirtschaften wir falsch, ist Effizienz nicht der einzige Zweck bzw. Zweckdenken nur richtig, wenn die Ziele vorher bestimmt sind. Und spricht die Liste der kapitalistischen und in jüngerer Zeit der sogenannten „neoliberalen“ Verheerungen und Verbrechen nicht längst für sich? Muss man noch beweisen, dass beinah alle angewandte Ökonomie zumindest auch zu Elend, Krieg und Umweltvernichtung führt? All das ist bekannt. Aber NGR war einer von „ihnen“, d. h. einer der Leute, die heute gern allzu pauschal für alle Übel des Kapitalismus verantwortlich gemacht werden. Als angesehener, umfassend gebildeter, gesellschafts- und nicht zuletzt naturwissenschaftlicher argumentierender Wirtschaftswissenschaftler war er ein Nestbeschmutzer, ja geradezu ein Revolutionär, und zwar zu einer Zeit, den Sechziger Jahren, als sich in den meisten „fortgeschrittenen“ Ländern zwar Bewegungen gegen die Megamaschine formierten, aber das wichtigste Mittel der Kritik (neben Naturromantik und blanker Angst) immer noch die industrie- und wachstumsfreundlichen Schriften des Marxismus waren.

Rezeption und Vereinnahmung

Auf dem Höhepunkt seiner Modewelle ist der Begriff der Entropie auf alles Erdenkliche von Kommunikation und Psychologie über Politikwissenschaft bis hin zur Kunst angewendet und damit seiner immensen Bedeutung für den Fortgang der Menschheitsgeschichte teilweise beraubt worden. Aber NGR ist zu störend und war lange zu bekannt, um unter einem Gebirge seichter Entropie-Titel begraben zu werden. Die Versuche, diesen nicht bloß unbequemen, sondern die gesamte Basis der Ökonomie hinwegfegenden Mann irgendwie zu vereinnahmen, sind also zahlreich; selbst die EU erforscht seit einigen Jahren die Möglichkeiten der Bioökonomie mit dem Ziel eines (wie nun klar geworden sein sollte: unmöglichen) „nachhaltigen Wachstums“. Wie wird NGR vereinnahmt? Man unterschlägt den Kern seines Denkens (Unwiederbringlichkeit der Rohstoffe, die Unangemessenheit westlicher Wirtschaftsrezepte in anderen Kulturkreisen), nimmt einen Begriff seiner weiterführenden Gedanken (Bioökonomie, Entropie) für das eigene Projekt (green business as usual) in Beschlag und verkauft das Ganze als Original-NGR. So schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe: Der Kritiker ist nicht bloß entschärft, sondern zu einem Verkaufsargument für die eigene Sache geworden. Dabei reicht selbst eine oberflächliche Lektüre einiger seiner Werke, um den Hokuspokus des grünen, „nachhaltigen“ Wachstums zu entlarven.

Die einfachste und wirksamste Art der Entschärfung seiner Thesen ist freilich ihr Verschweigen. Exemplarisch sei hier der Fall Jeremy Rifkins genannt. Dessen Buch Entropy von 1980 ist unerbittlich; der damals kaum 35jährige Publizist schildert darin so belesen und fundiert die Auswirkungen unserer Entropiebeschleunigung, dass NGR sich hat überreden lassen, es mit einem Nachwort zu versehen. In seinen späteren Bestsellern über das Internet als Mittel zur Demokratie-, Gleichheits- und Bewusstseinserweiterung oder über Wasserstoff als Energieträger scheint der „Berufsvisionär“ Rifkin aber buchstäblich alles über Entropie vergessen bzw. mit Blick auf Zeitgeist und Tantiemen verdrängt zu haben. Nur die Postwachstumsbewegung verehrt NGR weiterhin als einen der großen Vordenker des überfälligen Bewusstseinswandels.

Und wieder einmal wird das Gefühl ein wenig mehr zur Gewissheit, dass die wichtigsten Bücher nicht mehr geschrieben, nur noch gelesen werden müssen …

Weiterlesen

Neben seinen drei oben genannten Hauptwerken und dem Nachwort zu Rifkins Entropy seien dem/der Interessierten die Artikel Bioökonomie und Entropie in Degrowth. Handbuch für eine neue Ära ans Herz gelegt (Hg.: Giacomo D’Alisa/Federico Demaria/Giorgos Kallis, München: Oekom 2016).

Danksagung

Vielen Dank an unseren Gastautor Marc Hieronimus, der diesen Beitrag ursprünglich für den Lichtwolf — Zeitschrift trotz Philosphie (Ausgabe 64) geschrieben hat.

Mehr von Marc Hieronimus auf seiner persönlichen Website sowie auf postwachstum.de, dem Blog zum Weniger.

Schließlich vielen Dank an Valérie Paquereau für die Illustration (Copyright 2018).