Gastbeitrag von Kris de Decker (Low-Tech Magazine)

Da Energie sowohl die menschliche Entwicklung fördert als auch Umweltschäden verursacht, kommen sich gesetzliche Vorschriften zur Senkung des Energiebedarfs und Gesetzesentwürfe zur Armutsbekämpfung in die Quere. Die Erreichung beider Ziele kann nur funktionieren, wenn der Energieverbrauch in höherem Maße gleichberechtigt auf die Länder verteilt wird.

Es ist weitläufig bekannt, dass ein Teil der Weltbevölkerung in ‚Energiearmut‘ lebt, aber das Gegenteil davon, nämlich ‚Energieexzess‘ oder ‚Energiedekadenz‘, findet weitaus weniger Aufmerksamkeit. Wissenschaftler haben die Mindestwerte an Energie errechnet, die für ein menschenwürdiges Leben benötigt werden, aber wie sieht es mit den Höchstwerten aus?

Energieverbrauch pro Kopf

Die Menschheit muss ihren Energieverbrauch drastisch senken, wenn wir einen gefährlichen Klimawandel abwenden und die Erschöpfung aller nicht erneuerbaren Ressourcen und die Zerstörung der Natur vermeiden wollen, die wir zum Überleben brauchen. [1] Die Ziele zur Reduzierung des Kohlendioxidausstoßes und des Energieverbrauchs werden in der Regel als prozentuale Senkung der landesweiten und internationalen Werte ausgedrückt, aber der Pro-Kopf-Verbrauch der Weltbevölkerung ist, ganz gleich, wie er errechnet wird, je Land und sogar innerhalb eines Landes sehr unterschiedlich. [2]

Wenn wir die gesamte Primärenergienutzung pro Land durch die Einwohnerzahl teilen, lässt sich erkennen, dass der durchschnittliche Nordamerikaner mehr als doppelt so viel Energie verbraucht wie der Durchschnittseuropäer (6.881 kgoe gegenüber 3.207 kgoe, was für kg der Erdöläquivalenz steht). In Europa verbraucht der durchschnittliche Norweger mit 5.818 kgoe fast drei Mal so viel Energie wie der durchschnittliche Grieche (2.182 kgoe). Der wiederum verbraucht drei bis fünf Mal mehr Energie als der durchschnittliche Angolaner (545 kgoe), Kambodschaner (417 kgoe) oder Nicaraguaner (609 kgoe), der doppelt bis drei Mal so viel Energie verbraucht wie der durchschnittliche Einwohner von Bangladesch (222 kgoe). [3]

In diesen Zahlen sind nicht nur die direkt in Privathaushalten verbrauchte Energie, sondern auch die im Verkehrswesen, in der Fertigung, Energieproduktion und in anderen Sektoren verbrauchte Energie berücksichtigt. Diese umfassendere Berechnung verschafft einen besseren Überblick als nur der Energieverbrauch aus Privathaushalten, da Personen viel mehr Energie außerhalb ihrer Wohnungen verbrauchen, z. B. beim Einkauf. [4]

Durchschnittlicher Pro-Kopf-Energieverbrauch pro Jahr in kgoe (kg der Ölequivalenz)

Derartige ‚produktionsorientierte‘ Berechnungen sind nicht optimal, da Länder mit hohem Pro-Kopf-Energieverbrauch häufig viele Fertigprodukte aus Ländern mit niedrigem Pro-Kopf-Energieverbrauch importieren. Die für die Fertigung dieser Artikel aufgewendete Energie wird den Exportländern zugeschrieben – d. h. der Pro-Kopf-Energieverbrauch in den Ländern mit dem ‚höchsten Entwicklungsstand‘ wird unterschätzt.

Zur Ermittlung der Verteilung des Energieverbrauchs innerhalb eines Landes werden Daten mit höherer räumlicher Auflösung benötigt. So zeigte eine Analyse der Abweichungen im privaten Energieverbrauch (Strom + Gas) und dem Energieverbrauch für den privaten Verkehr in Großbritannien beispielsweise, dass der durchschnittliche Pro-Kopf-Verbrauch je nach Wohngebiet um ein Fünffaches abweichen kann. [2] Wenn wir dann die Unterschiede zwischen einzelnen Ländern sowie landesinterne Abweichungen und auch das Outsourcing der Fertigung bedenken (eine ‚konsumorientierte’ Berechnung), tragen die größten Energieverbraucher weltweit mitunter 1.000 mal mehr zum CO2-Ausstoß bei als jene mit dem geringsten Energieverbrauch. [5]

Ungleichheit lässt sich nicht nur an der Energiemenge, sondern auch an der Qualität erkennen. Einwohner der Industrienationen haben Zugang zu verlässlicher, sauberer und (scheinbar) unbegrenzter Strom- und Gasversorgung. Andererseits braucht fast ein Drittel aller Menschen weltweit (3 Milliarden Personen) Holz, Holzkohle oder Tierabfälle, um eine Mahlzeit zu kochen und 1,5 Milliarden von ihnen haben keine elektrische Beleuchtung. [6] Diese Treibstoffe verursachen Luftverschmutzung in Innenräumen und sind in ihrer Beschaffung und Nutzung mitunter arbeitsaufwändig. Sofern moderne Treibstoffe in diesen Ländern vorhanden sind, sind sie häufig teuer und/oder nicht zuverlässig erhältlich.

Jenseits der Energiearmut: Energiedekadenz

Es ist weitläufig bekannt, dass diese 3 Milliarden Menschen in den Ländern des Globalen Südens in ‚Energiearmut‘ leben. [7][8] Bereits 2011 riefen die Vereinten Nationen und die Weltbank die Initiative Sustainable Energy for All (SE4ALL oder Nachhaltige Energie für Alle) ins Leben, mit der bis 2030 „universeller Zugang zu modernen Energiedienstleistungen gewährleistet werden soll“. Die Energiearmut ist auch in den Industrieländern in den Fokus gerückt, wobei es hier hauptsächlich um unzulängliche Beheizung geht. Eine Studie von 2015 ergab, dass bis zu 54 Millionen Europäer ihre Wohnungen im Winter nicht adäquat beheizen können. [9] Die EU-Kommission startete 2017 das Energy Poverty Observatory (EPOV), eine Beobachtungsstelle der Energiearmut mit dem Ziel der Forschung und Richtlinienvergabe an einzelne Mitgliedsstaaten, damit diese Maßnahmen zur Bekämpfung der Energiearmut ergreifen. [8]

Den Rest der Welt auf den Lebensstandard und Energieverbrauch der Industrieländer bringen zu wollen, ist unvereinbar mit den zu bewältigenden Umweltproblemen.

Trotzdem uns bekannt ist, dass ein Teil der Weltbevölkerung nicht genug Energie verbraucht, wird in viel geringerem Maße über die Weltbevölkerung gesprochen, die zu viel Energie verbraucht. [2] [10] [11] Allerdings kann das Spannungsfeld zwischen der Bedarfsreduzierung auf der einen und der Energiearmut auf der anderen Seite nur aufgehoben werden, wenn die, die ‚zu viel‘ verbrauchen, ihre Nutzung drosseln. Den Rest der Welt auf den Lebensstandard und Energieverbrauch der Industrieländer bringen zu wollen – das unausgesprochene Ziel der ‚menschlichen Entwicklung‘ – würde das Problem der Ungleichheit lösen, ist jedoch mit den zu bewältigenden Umweltproblemen unvereinbar.

Foto: The Panos Network

Wenn jeder Erdbewohner auf Grundlage dieser Zahlen so viel Energie verbrauchen würde wie durchschnittliche Westeuropäer oder Nordamerikaner, wäre der Energieverbrauch und der CO2-Ausstoß der gesamten Welt mindestens doppelt, wenn nicht gar vier Mal so hoch wie heute. Das wäre obendrein eine Unterschätzung, denn die Länder des Globalen Südens müssten zunächst ihre Infrastruktur – Straßen, Stromnetze, usw. – bauen, um denselben Lebensstandard zu erzielen und auch das würde sehr viel Energie brauchen. [12]

Demzufolge sollte neben den großen Bemühungen zum Umgang mit der Treibstoffarmut eine Paralleldebatte über ‚Energiedekadenz‘ oder ‚Energieexzess‘ geführt werden. [2] Das Streben nach ‚Energiesuffizienz‘ – einer fairen wie nachhaltigen Energienutzung – sollte demnach nicht nur Untergrenzen (ausreichend für bestimmte Zwecke) sondern auch Obergrenzen (zu viel für Sicherheit und Wohlstand, und zwar kurz- als auch langfristig) enthalten. [13] Andernfalls belasten wir das Leben zukünftiger Generationen mit Schulden, um aktuelle Entwicklungsziele umzusetzen. [14]

Unter- und Obergrenzen berechnen

Wie lässt sich Energiedekadenz definieren? Wie viel Energienutzung ist ‚zu viel‘? Wir können uns größtenteils auf jahrzehntelange Forschungsprojekte zu Energiearmut berufen, die einzelne Werte eines akzeptablen minimalen Lebensstandards gemessen haben. [14] So hat das Millennium-Projekt des UN-Entwicklungsprogramms (UNDP) beispielsweise einen Mindestwert von 500 kgoe pro Person pro Jahr errechnet – ein Energiewert, der um fast ein Vierfaches unter dem weltweiten Durchschnitt liegt. [15]

Bestimmte Forscher haben Energiedekadenz auf ähnliche Weise untersucht, indem sie einen akzeptablen maximalen Lebensstandard errechnet haben. Die Eidgenössische Technische Hochschule in Zürich unterbreitete z. B. den Vorschlag einer 2.000-Watt-Gesellschaft, die einen weltweiten Pro-Kopf-Energieverbrauch von 1.500 kgoe pro Jahr vorsieht, während die Vorlage Contraction and Convergence des Global Commons Institute den Energieverbrauch auf 1.255 kgoe pro Person pro Jahr ansetzt. [10][13][16] Ein derartiger Pro-Kopf-Energieverbrauch entspricht einer Reduzierung der Energienutzung von 20 bis 35 % im Vergleich zum aktuellen Durchschnitt weltweit.

Durchschnittlicher Pro-Kopf-Energieverbrauch pro Jahr in kgoe (kg der Ölequivalenz)

Da die Energiearmutsstudien nur die Untergrenzen, aber nicht die Obergrenzen des Energieverbrauchs untersuchen, werden die Energiemindestwerte von unten hochgerechnet. Die Forscher recherchieren, wie viel Energie für ein menschenwürdiges Leben notwendig ist, wobei sie sich auf einen als essentiell angesehenen Satz aus Gütern und Dienstleistungen stützen.

Maximale Energieverbrauchswerte – d. h. alles, was darüber hinaus an Energie verbraucht wird, wird als exzessiv und nicht nachhaltig angesehen – werden hingegen von oben nach unten errechnet. Hier bestimmen die Forscher einen global als ‚sicher‘ eingestuften Energieverbrauch, der auf einem Indikator der Tragfähigkeit des Planeten beruht – wie etwa die Höhe des CO2-Ausstoßes, mit der sich die globale Erwärmung erwartungsgemäß auf bestimmte Werte begrenzen ließe – und dann durch die Weltbevölkerungszahl geteilt wird.

Zwischen der Obergrenze, die von der Tragfähigkeit des Planeten gesetzt wird, und der Untergrenze, die für alle ein menschenwürdiges Dasein gewährleistet, liegt ein Bereich nachhaltigen Energieverbrauchs, der irgendwo zwischen Energiearmut und Energiedekadenz einzuordnen wäre. [14] Bei diesen Grenzen wird zum einen davon ausgegangen, dass die reichen Länder ihren Energieverbrauch senken, und die armen Länder zum anderen ihren Energieverbrauch nicht zu stark erhöhen. Allerdings lässt sich nicht garantieren, dass die Höchstwerte in der Tat über den Mindestwerten liegen.

Zwischen der Obergrenze, die von der Tragfähigkeit des Planeten gesetzt wird, und der Untergrenze, die für alle ein menschenwürdiges Dasein gewährleistet, liegt ein Bereich nachhaltigen Energieverbrauchs.

Wenn der minimale Energieverbrauch von unten hochgerechnet wird, bleibt abzuwarten, ob sich diese Verbrauchsstufe ohne Umweltschäden aufrechterhalten ließe. Bei Errechnung des maximalen Pro-Kopf-Energieverbrauchs von oben nach unten bleibt andererseits abzuwarten, ob diese ‚sichere‘ Stufe des Energieverbrauchs für ein menschenwürdiges Leben ausreicht. Wenn die Untergrenze über der Obergrenze liegt, führt das zu dem Schluss, dass ein nachhaltiges Wohlbefinden aller Menschen einfach nicht erreichbar ist.

Erschwert wird das Ganze weiter durch die problematische Definierung von Mindest- und Höchstwerten. Auf der einen Seite besteht bei der Errechnung von oben nach unten keine Einigung über die Tragfähigkeit des Planeten, ganz gleich, ob es sich dabei um sichere Kohlendioxidkonzentrate in der Atmosphäre, die verbleibenden fossilen Brennstoffreserven, die Bemessung von Umweltschäden, die Auswirkungen erneuerbarer Energien oder die Fortschritte in der Energieeffizienz und dem Bevölkerungswachstum dreht. Auf der anderen Seite ist es bei der Errechnung von unten nach oben gleichermaßen problematisch, ein ‚menschenwürdiges‘ Leben zu definieren.

Bedürfnisse und Wünsche

Die oben erwähnten Mindest- und Höchstwerte des Energieverbrauchs sind universell gedacht: alle ErdbewohnerInnen haben ein Recht auf die gleiche Menge an Energie. Obwohl die gleichwertige Verteilung des Energieverbrauchs auf die gesamte Weltbevölkerung wie eine faire Lösung klingen mag, ist das Gegenteil der Fall. Die Menge an Energie, die jemand ‚braucht‘, bestimmt er oder sie nicht allein. Sie ist auch stark von der Klimazone abhängig (Menschen in kälteren Regionen brauchen mehr Energie zum Heizen als jene in wärmeren). Ebenso ist sie abhängig von der Kultur (der Gebrauch von Klimaanlagen in den USA im Vergleich zur Siesta in Südeuropa) und der Infrastruktur (Städte ohne einen öffentlichen Nahverkehr und Radwege zwingen Anwohner, das Auto zu nutzen).

Unterschiede in der Energieeffizienz wirken sich mitunter auch stark auf die „Bedürfnisse“  nach Energie aus. So ist z. B. eine traditionelle Drei-Steine-Kochstelle in geringerem Maße energieeffizient als ein moderner Gasherd, denn letzterer benötigt weniger Energie, um ein vergleichbares Mahl zu kochen. Nicht nur die Haushaltsgeräte bestimmen, wie viel Energie gebraucht wird, sondern auch die Infrastruktur: Wenn die Stromproduktion und -versorgung relativ ineffizient sind, brauchen Menschen mehr Primärenergie, selbst wenn sie im eigenen Heim die gleiche Menge Strom verbrauchen.

Foto: Off-Grid Electric

Zur Berücksichtigung dieser Unterschiede sind die meisten Wissenschaftler in ihrer Diagnose von Energiearmut dazu übergegangen, sich statt mit einer bestimmten Stufe des Energieverbrauchs mit den ‚Energiedienstleistungen‘ zu befassen. [17] Menschen verlangen nicht explizit nach Energie oder Treibstoffen – vielmehr brauchen sie die Dienstleistungen, die Energie ihnen liefert. Nehmen wir z. B. die Beleuchtung: Menschen brauchen nicht eine bestimmte Menge an Energie, sondern eine angemessene Lichtquelle für ihre jeweiligen Aktivitäten.

Ein Beispiel dieses serviceorientierten Ansatzes ist der 2010 herausgegebene Total Energy Access (TEA)-Indikator der NGO Practical Action. [17][18] Der TEA erfasst Haushalte in Ländern des Globalen Südens gemessen an vorgeschriebenen Mindestservicestandards der Beleuchtung, Kochmöglichkeiten und Wasserboiler, Beheizung, Kühlung der Räume wie der Lebensmittel und Informations- und Kommunikationsservices. Das Mindestmaß der Beleuchtung in Privathaushalten beträgt z. B. 300 Lumen, und Practical Action legt vergleichbare Standards für andere Energiedienstleistungen fest, wobei neben Privathaushalten auch Arbeitsplätze und Gemeinschaftseinrichtungen erfasst werden.

Bedürfnisse sind universell, objektiv, nicht austauschbar, generationsübergreifend und erfüllbar. Wünsche sind subjektiv, sich ständig verändernd, individuell, austauschbar und unersättlich.

Andere Indikatoren von Energiearmut gehen sogar noch weiter. Sie befassen sich nicht spezifisch mit Energiedienstleistungen, sondern mit grundlegenden menschlichen Bedürfnissen oder Kompetenzen (je nach Theorie). In diesen Ansätzen werden grundlegende Bedürfnisse oder Kompetenzen als universell erachtet, aber die Mittel und Wege ihrer Erlangung unter geografischen und kulturspezifischen Aspekten gesehen. [10] [17] Bei diesen bedürfnisorientierten Indikatoren geht es primär um die Erfassung der Bedingungen menschlichen Wohlbefindens, und nicht so sehr um die Bestimmung, was zur Erzielung dieser Ergebnisse erforderlich ist. [19] Zu den menschlichen Grundbedürfnissen zählen z. B. sauberes Wasser und Ernährung, Unterkunft, Wärme, Geborgenheit, zwischenmenschliche Beziehungen, Bildung und Gesundheitsversorgung.

Grundbedürfnisse werden als universell, objektiv, nicht austauschbar (so kann eine unzureichende Ernährung nicht durch Vergrößerung der Wohnfläche und umgekehrt  behoben werden), generationsübergreifend (die Grundbedürfnisse zukünftiger Generationen sind dieselben wie die aktueller Generationen) und erfüllbar (sie lassen sich durch Wasser, Kalorien und Wohnfläche erfüllen). Daraus folgt, dass Schwellenwerte denkbar sind, ab denen ernsthafte Schäden vermieden werden. ‚Bedürfnisse‘ sind nicht gleich ‚Wünschen‘, die subjektiv sind, sich mit der Zeit verändern, individuell, austauschbar und unersättlich sind. Wenn wir die Grundbedürfnisse so untersuchen, können wir zwischen ‚Notwendigkeiten‘ und ‚Luxus‘ unterscheiden und das Argument vorbringen, dass die menschlichen Bedürfnisse der Gegenwart und Zukunft die ‚Wünsche‘ der Gegenwart und Zukunft übertrumpfen. [14][17]

Veränderungen im Laufe der Zeit: Steigende Energieabhängigkeit

Der Fokus auf Energiedienstleistungen oder Grundbedürfnisse ist hilfreich, um den maximalen Energieverbrauch festzusetzen. Statt minimale Energiedienstleistungsniveaus (wie 300 Lumen Beleuchtung pro Haushalt) zu bestimmen, könnten wir maximale Energiedienstleistungsniveaus definieren (z. B. 2.000 Lumen pro Haushalt). Diese Energiedienstleistungsniveaus könnten zur Berechnung von maximalen Energieverbrauchswerten pro Kopf oder pro Haushalt zusammengefasst werden. Jedoch würden sie nur in bestimmten regionalen oder kulturellen Zusammenhängen wie Ländern, Städten oder Stadtbezirken gelten – und nicht universell für alle. Ebenso könnten wir die Grundbedürfnisse definieren und die Energie errechnen, die zu deren Erfüllung in einem bestimmten Zusammenhang erforderlich ist.

Der Fokus auf Energiedienstleistungen oder Grundbedürfnisse weist jedoch auch ein Grundsatzproblem auf. Wenn die Waren und Dienstleistungen, die für ein menschenwürdiges Leben jenseits von Armut nicht universell geltend angesehen werden, sondern vielmehr von den herrschenden Standards und Gebräuchen der jeweiligen Gesellschaft abhängig sind, wird klar, dass sich derartige Standards mit der Zeit ändern, da Technologie und Lebensgewohnheiten sich ändern. [11] Veränderungen, die im Laufe der Zeit eintreten, insbesondere seit dem 20. Jahrhundert, zeigen ein rapides Wachstum in den Gängigkeiten und Standards, die zu einem steigenden Energieverbrauch führen. Die ‚Bedarfsdecker‘ fordern immer mehr Energie, weshalb die Erfüllung der Grundbedürfnisse ähnlich problematisch geworden ist wie die Erfüllung der ‚Wünsche‘.

Durchschnittlicher Pro-Kopf-Energieverbrauch pro Jahr in kgoe (kg der Ölequivalenz)

Studien zur Energiearmut in Industrieländern haben gezeigt, dass die erforderlichen Mindestenergiewerte zur Erfüllung der Grundbedürfnisse beharrlich steigen. [11][20][21] Was heute ausreicht, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit morgen nicht mehr ausreichen. Verschiedene Konsumgüter, die es beispielsweise in den 1980er Jahren noch nicht gab, wie Mobiltelefone, PCs und Internetzugang, wurden 2012 von 40 bis 41 % der Bevölkerung Großbritanniens als absolute Notwendigkeiten bezeichnet. [20]

In der industriellen Welt von heute leben selbst die energiearmen Menschen über den Tragfähigkeitswerten des Planeten.

Andere Techniken, die heutzutage als Mindestanforderungen eingestuft werden, haben sich ähnlich entwickelt. Die Zentralheizung und die tägliche heiße Dusche z. B. sind nur einige Jahrzehnte weit verbreitet, aber werden heute von der Mehrzahl der Bewohner industrialisierter Länder als unverzichtbares Bedürfnis angesehen. [22]

In der industriellen Welt von heute leben sogar die energiearmen Menschen über den Tragfähigkeitswerten des Planeten. Wenn z. B. die gesamte Bevölkerung Großbritanniens mit einem minimalen Energiebudget leben würde, das gemeinsam mit Bevölkerungsvertretern in Workshops erarbeitet wurde, ergäbe dies eine Senkung der (verbrauchsbedingten) Emissionen pro Kopf von 11,8 auf lediglich 7,3 Tonnen pro Person. Demgegenüber setzt das UN-Entwicklungsprogramm zwecks Begrenzung des Anstiegs der weltweiten Durchschnittstemperaturen diesen Wert auf zwei Tonnen CO2-Ausstoß pro Person pro Jahr. [14] Kurz gesagt, ist die Untergrenze dreimal so hoch wie die Obergrenze.

Die Hinterfragung der Bedürfnisse und Wünsche

„Indem wir ‚Bedürfnisse‘ mit dem gleichsetzen, was wir als ‚normal‘ ansehen“, schreiben britische Wissenschaftler zu Energiearmut, „unterstützen wir aktiv die Eskalation der Bedürfniserwartungen, die im Widerspruch zu verschiedenen Zielen wie die Reduzierung des Energiebedarfs stehen … Zur Bedarfssenkung müssen wir eingefleischte Normen hinterfragen, statt sie zu akzeptieren.“ [11] Mit anderen Worten können wir Energiearmut und Energiedekadenz nur beseitigen, wenn wir einen Weg finden, die menschlische Bedürfnisbefriedigung von den energieintensiven ‚Bedarfsdeckern‘ zu entkoppeln. [21]

Ein Ansatz wäre die Steigerung der Energieeffizienz. In einer 1985 veröffentlichten Arbeit Basic needs and much more with one kilowatt per capita (Grundbedürfnisse und vieles mehr mit 1 Kilowatt pro Kopf) argumentieren die Verfasser, dass die erforderliche Energie zur Vermeidung von Energiearmut dank immer höherer Energieeffizienz fallen wird  – von 750 kgoe pro Kopf pro Jahr 1985 auf nur 570 kgoe 2030. [23]

Das ist jedoch nicht der Fall, da Effizienzgewinne dauerhaft von Lebensweisen mit höherem Energiebedarf ersetzt werden. Sollte sich dieser Trend jedoch aufhalten oder gar umkehren lassen, würden wir dank der Fortschritte in der Energieeffizienz unser Leben mit immer geringerem Energieanspruch bestreiten können. Für 300 Lumen beispielweise, das von Practical Action empfohlene Mindestmaß an Beleuchtung, braucht eine LED-Lampe sechsmal weniger Strom als eine Glühbirne.

Foto: Huang Qinjun

Noch wichtiger ist jedoch, dass Grundbedürfnisse auf unterschiedliche Weisen erfüllt werden können, und die Notwendigkeit einiger Energiedienstleistungen relativiert hinterfragt werden könnte und sollte. Dieser Ansatz lässt sich als ‚Suffizienz‘ bezeichnen. Energiedienstleistungen könnten reduziert (kleinere Fernseher oder leichtere und langsamere Autos, oder weniger Fernsehen und weniger Autofahrten) oder ersetzt werden durch solche mit einem geringen Energieanspruch (Fahrrad statt Auto, frische statt tiefgefrorene Lebensmittel, Brettspiele statt Fernsehen).

Diese Substitution kann auch kommunale Dienstleistungen beinhalten. Prinzipiell bringen öffentliche Angebote Größenvorteile mit sich und können somit die Energiemenge reduzieren, die benötigt wird, um vielen Haushalten die gleichen Dienstleistungen zu liefern: öffentlicher Nahverkehr, öffentliche Bäder, Gemeinschaftsküchen, Waschzentren, Büchereien, Internetcafés, öffentliche Telefonzellen und Lieferdienste sind nur einige Beispiele. [24] [25]

Durch die Kombination von Suffizienz- und Effizienzmaßnahmen ließe sich der durchschnittliche Stromverbrauch eines 2-Personen-Haushalts, laut Berechnung deutscher Wissenschaftler, ohne drastische Veränderungen der Lebensweise, wie die Wäsche nur per Hand zu erledigen oder Stromerzeugung über Trainingsgeräte, um 75 % senken.[25] Obwohl dies nur einen Teil des gesamten Energiebedarfs erfasst, führt eine reduzierte Stromnutzung in Privathaushalten zu reduziertem Energieverbrauch in der Fertigung und im Verkehrswesen.

Wenn wir davon ausgehen, dass ähnliche Reduzierungen in anderen Bereichen möglich sind, kämen die hier behandelten deutschen Haushalte mit circa 800 kgoe pro Kopf pro Jahr aus, ein Viertel des durchschnittlichen Pro-Kopf-Energieverbrauchs in Europa. Das führt zu dem Schluss, dass ein modernes Leben durchaus mit niedrigerem Energieverbrauch vereinbar ist. Allerdings setzt das voraus, dass eine 75-prozentige Reduzierung des Energieverbrauchs ausreicht, um die Tragfähigkeit des Planeten nicht zu belasten.

Danksagung

Vielen Dank an unseren Gastautor Kris de Decker, der diesen Artikel in englischer Sprache ursprünglich für The DEMAND Centre geschrieben und ihn anschließend im Low Tech Magazine publiziert hat.

Vielen Dank auch an Angela Schult und das Team von global syntax für die Übersetzung.

Schließlich danke an pexels.com für das Titelbild.

Quellenangaben

[1] Die Förderung von erneuerbaren Energiequellen kann aus zweierlei Gründen die Kohlendioxidemissionen nicht im Alleingang reduzieren. Zunächst steigt der Energiebedarf schneller als der Anteil erneuerbarer Energie, d. h. Solar- und Windkraftanlagen ersetzen nicht fossile Brennstoffe, sondern bedienen einen Teil der wachsenden Nachfrage nach Energie. Zweitens sind erneuerbare Energiesysteme in ihrer Herstellung stark von fossilen Brennstoffen abhängig, insbesondere wenn wir dabei auf eine Infrastruktur vertrauen, die mit ihrem Angebot jederzeit die Nachfrage füllen möchte. Energieeffizienz führt ebenso wenig zum Ziel, da Fortschritte in der Effizienz häufig neue und noch energieanspruchsvollere Produkte und Services nach sich ziehen, und da nicht nachhaltige Praktiken sich durch Energieeffizienz verhärten.

[2] Chatterton, Tim, et al. „Energy justice? A spatial analysis of variations in household direct energy consumption in the UK.“ (Gleichberechtigte Energie? Eine räumliche Analyse von Abweichungen im direkten Energieverbrauch von Privathaushalten in Großbritannien) ECEEE, 2015. http://eprints.uwe.ac.uk/28337/1/Chatterton%20Barnes%20Yeboah%20Anable%202015%20Energy%20Justice%20-%20ECEEE%20Conference%20Paper.pdf

[3] Energieverbrauch (Kilogramm der Erdöläquivalenz pro Kopf), 1960-2014. Weltbank. http://data.worldbank.org/indicator/EG.USE.PCAP.KG.OE?locations=BD-GR-NL&year_low_desc=true 

[4] Energieverbrauch, Eurostat, 2017. http://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php/Consumption_of_energy 

[5] Piketty, Thomas. „Carbon and inequality: from Kyoto to Paris.“ Trends in the Global Inequality of Carbon Emissions (1998-2013) and Prospects for An Equitable Adaptation Fund. (Kohlenstoff und Ungleichheit: von Kyoto bis Paris. Trends in globalen Unterschieden der CO2-Emissionen (1998 – 2013) und Aussichten auf einen gleichberechtigten Anpassungsfonds.) Paris: Paris School of Economics (2015). http://www.ledevoir.com/documents/pdf/chancelpiketty2015.pdf

[6] Poor people’s energy outlook 2010, Practical Action. (Energieprognose 2010 für die Armen, Practical Action.) https://policy.practicalaction.org/policy-themes/energy/poor-peoples-energy-outlook/poor-peoples-energy-outlook-2010. Neuere Versionen finden Sie unter: https://policy.practicalaction.org/policy-themes/energy/poor-peoples-energy-outlook

[7] Sustainable Energy for All, Vereinte Nationen & Weltbank. http://www.se4all.org/ 

[8] Thomson, Harriet, Stefan Bouzarovski, und Carolyn Snell. „Rethinking the measurement of energy poverty in Europe: A critical analysis of indicators and data.“ (Neukonzeptionierung der Erfassung von Energiearmut in Europa: Eine kritische Analyse der Anzeichen und Daten.) Innenräume und bebaute Umwelt (2017): 1420326X17699260. http://journals.sagepub.com/doi/full/10.1177/1420326X17699260

[9] Verfasserteam und Claire Baffert. „Energy poverty and vulnerable consumers in the energy sector across the EU: analysis of policies and measures.“ (Energiearmut und von Armut bedrohte Verbraucher im EU-weiten Energiesektor: Analyse der Richtlinien und Maßnahmen.) Richtlinie 2 (2015). https://ec.europa.eu/energy/en/news/energy-poverty-may-affect-nearly-11-eu-population 

[10] Steinberger, Julia K. und J. Timmons Roberts. „From constraint to sufficiency: The decoupling of energy and carbon from human needs, 1975–2005.“ (Von Restriktionen bis Suffizienz: Die Entkopplung von Energie und CO2 von menschlichen Bedürfnissen, 1975 – 2005.) Ecological Economics 70.2 (2010): 425-433. http://julias.promessage.com/Projects/Articles/EE_SteinbergerRoberts_2010_DecouplingEnergyCarbonHumanNeeds_v2.pdf

[11] Walker, Gordon, Neil Simcock und Rosie Day. „Necessary energy uses and a minimum standard of living in the United Kingdom: energy justice or escalating expectations?.“ (Erforderliche Energienutzung und der Mindestlebensstandard in Großbritannien: Gleichberechtigte Energie oder eskalierende Erwartungen?) Energy Research & Social Science 18 (2016): 129-138. http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2214629616300184

[12] Lamb, William F. und Narasimha D. Rao. „Human development in a climate-constrained world: what the past says about the future.“ (Die Entwicklung der Menschheit in einer klimabelasteten Welt: Was uns die Vergangenheit über die Zukunft lehrt.) Global Environmental Change 33 (2015): 14-22. http://decentlivingenergy.org/publications/Lamb-Rao-HDinClimConstrainedWorld.pdf

[13] Darby, Sarah. „Enough is as good as a feast–sufficiency as policy.“ (Genug ist so gut wie ein Schmaus – Suffizienz als Richtlinie.) Verhandlungen, European Council for an Energy-Efficient Economy (ECEEE). La Colle sur Loup, 2007. https://pdfs.semanticscholar.org/8e68/c68ace130104ef6fc0f736339ff34b253509.pdf

[14] Gough, Ian. „Heat, Greed and Human Need.“ (Hitze, Habgier und menschliche Bedürfnisse.) Books (2017). http://www.e-elgar.com/shop/heat-greed-and-human-need

[15] Energy for a sustainable future, Report and Recommendations (Bericht und Empfehlungen zu Energie für eine nachhaltige Zukunft), Generalsekretär der Advisory Group on Energy and Climate Change (AGECC), 28. April 2010, New York. http://www.un.org/millenniumgoals/pdf/AGECCsummaryreport[1].pdf

[16] Bretschger, Lucas, Roger Ramer und Florentine Schwark. 2000-Watt-Gesellschaft?.“ https://www.mtec.ethz.ch/content/dam/ethz/special-interest/mtec/cer-eth/resource-econ-dam/documents/people/lbretschger/Brochure_2kW.pdf

[17] Day, Rosie, Gordon Walker und Neil Simcock. „Conceptualising energy use and energy poverty using a capabilities framework.“ (Konzeptionierung der Energienutzung und Energiearmut unter Einsatz der Kompetenzenstruktur.) Energy Policy 93 (2016): 255-264. http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0301421516301227

[18] Total Energy Access, Practical Action. https://policy.practicalaction.org/policy-themes/energy/total-energy-access 

[19] Rao, Narasimha D. und Jihoon Min. „Decent living standards: material prerequisites for human wellbeing.“ (Menschenwürdiger Lebensstandard: Materielle Voraussetzungen für das menschliche Wohlbefinden.) Social Indicators Research (2017): 1-20. https://link.springer.com/article/10.1007/s11205-017-1650-0

[20] Mack, Joanna, et al. „Attitudes to necessities in the PSE 2012 survey: are minimum standards becoming less generous?.“ (Einstellungen zu Notwendigkeiten in der PSE 20112 Umfrage: Wird der Mindeststandard spartanischer?) PSE-UK Working Paper Analysis Series 4 (2013).http://poverty.ac.uk/sites/default/files/attachments/PSE%20wp%20analysis%20No.%204%20-%20Attitudes%20to%20necessities%20in%20the%202012%20survey%20(Mack,%20Lansley,%20Nandy,%20Patazis)%20Oct_2013.pdf

[21] Mattioli, Giulio. „Transport needs in a climate-constrained world. A novel framework to reconcile social and environmental sustainability in transport.“ (Transportansprüche in einer klimabelasteten Welt. Eine ganz neue Methode zur Angleichung sozialer und umweltfreundlicher Nachhaltigkeit im Verkehrswesen.) Energy Research & Social Science 18 (2016): 118-128. http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2214629616300536

[22] Hand, Martin, Elizabeth Shove und Dale Southerton. „Explaining showering: A discussion of the material, conventional, and temporal dimensions of practice.“ (Duschen näher erklärt: Eine Diskussion der materiellen, konventionellen und zeitlichen Dimensionen einer Gepflogenheit.) Sociological Research Online 10.2 (2005). http://www.socresonline.org.uk/10/2/hand.html

[23] Goldemberg, Jose, et al. „Basic needs and much more with one kilowatt per capita.“ Ambio (1985): 190-200. https://www.jstor.org/stable/4313148?seq=1#page_scan_tab_contents

[24] Thomas, Stefan, et al. Energy sufficiency policy: an evolution of energy efficiency policy or radically new approaches? (Energiesuffizienzvorschriften: Evolution der Energieeffizienzgesetze oder radikal neuer Ansatz?). Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, 2015. https://epub.wupperinst.org/frontdoor/deliver/index/docId/5922/file/5922_Thomas.pdf

[25] Brischke, Lars-Arvid, et al. Energy sufficiency in private households enabled by adequate appliances. (Energiesuffizienz in Privathaushalten durch adäquate Haushaltsgeräte.) Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, 2015. https://epub.wupperinst.org/frontdoor/deliver/index/docId/5932/file/5932_Brischke.pdf