„Die Art der Stromversorgung ist eine Herzensangelegenheit“

Interview mit buzzn Gründer Justus Schütze im Energie-Rundbrief der Cohaus GmbH/Wogeno München eG.

Hallo Herr Schütze. Können Sie zu Beginn in einem Satz sagen, um was es bei buzzn geht?
Bei buzzn handelt es sich um die erste soziale Plattform, die Menschen über Strom verbindet, also um das erste `social energy network‘ seiner Art.

Wie und wann entstand die Idee einer solchen sozialen Plattform?
buzzn gibt es seit 2010. Damals haben wir das erste Blockheizkraftwerk (BHKW) in unseren Bilanzkreis aufgenommen. Mit diesem Strom konnten wir dann den ersten Kunden von buzzn versorgen. Die Idee, die
dahintersteht, ist eine neue Kultur des Strom Gebens und des Strom Nehmens zu etablieren. Die Energieversorgung der Zukunft – die jetzt schon begonnen hat – ist unserer Meinung nach eine hierarchiefreie Versorgung. Wir wollen Leute unterstützen, die ihren Strom selber produzieren und diesen bei einem Überschuss mit Menschen teilen möchten, denen es lieber ist, Strom aus der Nähe zu kaufen, als von einem riesen Konzern, der irgendwo zentral Großkraftwerke stehen hat und dessen alleinige Absicht darin besteht, Profit zu machen. Diese Menschen begegnen sich bei buzzn auf Augenhöhe. Daher auch unser Motto `People Power‘, weil die Versorgung von Mensch zu Mensch stattfindet. Bezogen und eingespeist wird der Strom über das öffentliche Netz meist von Privatpersonen oder mittelständischen Unternehmen, die hinter der Idee einer dezentralen Stromversorgung stehen. Für die ist die Art der Stromversorgung eine Herzensangelegenheit.

Ein Stichwort, das immer wieder auftaucht, ist die Dezentralität. Warum spielt die für buzzn eine so große Rolle?
Uns hat damals die Diskussion um Ökostrom genervt, die Tatsache, dass man an jeder Ecke Ökostrom kaufen kann, wenn es sein muss auch von RWE oder EON. Ökostrom ist oft überhaupt nicht nachvollziehbar, man weiß nicht an welches Kraftwerk das Geld fließt. Der nachhaltige Gedanke stimmt in vielen Fällen nicht, weil Ökostrom eben nicht dezentral produziert wird, sondern aus Norwegen oder Österreich importiert wird, teilweise aus bestehenden, Jahrzehnte alten Großwasserkraftanlagen, auf die einfach nur ein Label oder Zertifikat draufgeklebt wurde. Somit wird dem Kunden und Verbraucher ein gutes Gewissen suggeriert. Das war buzzn zu wenig. Uns trieb die Frage um: Was kommt denn nach Ökostrom? Macht es Sinn, über 100 Prozent erneuerbare Energiegewinnung zu reden, wenn diese aus offshore Großwindanlagen stammt oder aus Mega-Solarparks in Andalusien? Wenn etwas 100 Prozent sein sollte, dann ist das unserer Meinung nach die Dezentralität.

War der Gedanke der dezentralen Stromversorgung auch die Begegnungsstelle mit der WOGENO?
Das Prinzip vom Strom Geben und Strom Nehmen auf Augenhöhe funktioniert ultimativ dezentral nicht über das öffentliche Netz, sondern in einem kleineren Netzzusammenhang. Dieses Prinzip wird von uns als `Localpool‘ bezeichnet und meint das Hausnetz in einem Mehrparteienhaus oder Gebäudekomplex. Es funktioniert folgendermaßen: Wenn ein Haus durch ein BHKW oder eine Photovoltaikanlage Strom produziert, wird dieser Strom direkt vor Ort von den Mietern und anderen Bewohnern verbraucht und verlässt gar nicht mehr das Gebäude. Nur wenn das Haus mehr produziert als es verbraucht, wird der überschüssige Strom eingespeist oder im umgekehrten Fall bezogen. Dieses Konzept war die Stunde der Begegnung mit Peter Schmidt und der WOGENO. Die WOGENO hatte die Idee des `Localpools‘ auf ihre Art über die Cohaus eigentlich schon verwirklicht gehabt. buzzn nimmt heute der Cohaus die Dienste um die sehr aufwendige und bürokratische Verwaltung ab. Es handelt sich somit um eine spezielle Dienstleistung, die aber voll und ganz im Einklang mit dem buzzn Motto `People Power‘ und unserer Vorstellung von Strom Geben und Nehmen steht.

Wenn ich in einem stromproduzierenden Haus der WOGENO wohne, ist es möglich den hauseigenen Strom zu beziehen. Wie schaut es bei Mitgliedern aus, die kein eigenes Kraftwerk im Haus haben? Gibt es für sie eine Möglichkeit, den überschüssigen WOGENO-Strom nutzen?
Wenn man die Idee der eigenen, dezentralen Energiegewinnung der WOGENO gut findet, kann man dieses Konzept der Energiegewinnung unterstützen, indem man buzzn Stromnehmer wird. Denn der Überschussstrom von den WOGENO Liegenschaften mit eigener Energiegewinnung geht ja heute schon in den buzzn Bilanzkreis und sucht seine Abnehmer.

Wird in einem WOGENO Haus mehr Strom produziert als die Bewohner verbrauchen, wird der Überschuss also ins buzzn Netz eingespeist. Kann man sehen, wann überschüssiger Strom eingespeist wird und den ich als „nichtproduzierendes“ Mitglied beziehen kann?
Momentan leider noch nicht. Wir arbeiten aber gerade an einer Software bzw. einer App, mit der die Einspeisezähler demnächst im Internet sichtbar sein werden. Dann kann jeder, der genau dann Strom verbrauchen will, wenn bei der WOGENO gerade Überschuss herrscht, das auch tun.

Wenn der buzzn Strom nicht ausreicht um alle Stromnehmer zu bedienen, wird der Strom aus anderen übergeordneten Pools bezogen, zum Beispiel von den Stadtwerken. Was macht buzzn um ein Gleichgewicht zu halten und nicht nur den Strom anderer Anbieter zu verkaufen?
Wir schauen sehr wohl, dass wir in unseren buzzn-Pool immer nur so viele neue Stromnehmer aufnehmen, wie wir auch ungefähr an Stromangebot zu Verfügung haben. So halten wir die Bilanz ausgeglichen und geraten nicht absichtlich in eine Graustromabnahmesituation.

Zum Abschluss vielleicht noch eine kleine Vision: Was wäre der Idealzustand, den buzzn erreichen könnte?
Was uns bewegt, ist die Art und Weise, wie heute auf der Welt Energie – allen voran Erdöl – genutzt wird. Wir sind davon angetrieben, die technische Energie Strom viel mehr und viel besser zu nutzen, zum Beispiel für Mobilitätszwecke. Wir sind aber auch der Meinung, dass der beste Strom immer noch der ist, der gar nicht erst verbraucht wurde – uns treibt also auch das Thema Einsparung an. Wir wollen mit buzzn Werkzeuge anbieten, mit denen jeder für sich anfangen kann, sein Stromverhalten besser zu verstehen, zu verändern und so auch seinen Verbrauch absolut zu reduzieren. Und im besten Fall auch anfängt selber Strom zu produzieren. Wir finden es klasse, was die WOGENO auf diesem Gebiet bisher alles geleistet hat und sind glücklich, dass wir das unterstützen dürfen. Uns geht es darum, dass möglichst viel Strom dezentral produziert wird und dass gleichzeitig möglichst wenig Strom verbraucht wird. Nur so können wir uns langsam abkoppeln von den konventionellen Energieformen, allen voran dem Erdöl, aber nachgelagert natürlich genauso von Atom, Kohle und auch Gas.

Das Gespräch führte Johanna Schäfer.

Der komplette Energierundbrief kann hier heruntergeladen werden.

Foto: Neubauprojekt in der Gertrud-Grunow-Straße 45, München. Einer der neuesten Localpools der Cohaus, powered by buzzn. © Wogeno München eG

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