Flucht und Energiewende

„Wir brauchen die Energiewende, weil uns irgendwann Gas, Öl und Kohle ausgehen werden.“

„Wir brauchen die Energiewende, um die Klimakatastrophe zu verhindern.“

„Wir brauchen die Energiewende, damit unsere Enkel noch auf diesem Planeten leben können.“

So oder so ähnlich wurde die Notwendigkeit der Energiewende noch bis vor kurzem standardmäßig begründet. Mit großer Wichtigkeit aber gefühlt nur geringer Dringlichkeit.

Seit einigen Monaten hat die Energiewende für viele unerwartet eine neue – dringende – Dimension erreicht.

Die Massenflucht aus Afrika und Nahost, von der wir glaubten, sie läge noch einige Jahrzehnte vor uns, ist auf einmal da. Tausende Flüchtlinge kommen jeden Tag in Deutschland an. Sie haben Haus und Hof aufgegeben, ihr Erspartes verloren und ihre Familien zurückgelassen. Jetzt leben sie in erbärmlichen Verhältnissen, aber sie leben. Zehntausende hatten weniger „Glück“. Sie sind während der Flucht umgekommen.

Was bringt Menschen dazu, alles zu riskieren, um aus ihrer Heimat in ein vermeintlich sicheres Land wie Deutschland zu kommen?

Vordergründig natürlich Krieg und Zerstörung (ein beträchtlicher Teil davon übrigens Made in Germany, z. B. durch Bomben vom Bodensee oder Drohnen aus Ramstein).

Zu den wichtigsten Ursachen für diese Gewalt zählen jedoch unsere westlichen Energiegewohnheiten.

Die Menschheit verbrennt derzeit 90 Millionen Fass Erdöl (= 45 Supertanker) – täglich. Auf Deutschland entfallen dabei 2,3 Millionen Fass. „We’re addicted to oil“, so George Bush jun. ganz offenherzig im Jahr 2001, noch vor dem 11. September. Und zur Befriedigung dieser Sucht sind wir offensichtlich zu allem bereit. Mithilfe von Propagandalügen, es gehe um Demokratie, Menschenrechte oder die Zerstörung von Massenvernichtungswaffen, stürzen wir, der Westen, genau immer die Staaten ins Chaos, die über Gas- und Ölreserven verfügen oder über deren Gebiete Pipelines verlaufen. Man könnte das auch Beschaffungskriminalität nennen.

Die Energiewende ist gar keine Wende. Eine Wende wäre nämlich eine plötzliche Umkehr, verbunden mit einem Richtungswechsel. Die Reise unserer Energienutzung geht aber bereits in Richtung erneuerbare, dezentrale Energie. Schon allein wegen der Endlichkeit der fossilen Energieträger.

Was wir jetzt wirklich dringend brauchen, ist ein rasche Abkehr von unseren Energiegewohnheiten. Zu dieser Abkehr kann jeder einzelne sofort beitragen. Zum einen, indem er seinen Konsum fossiler Energieträger auf ein Minimum reduziert. Wie das geht, ist hinlänglich bekannt: auf Auto und Flugzeug verzichten, regionale Lebensmittel einkaufen, in Gemeinschaft leben, warme Kleidung tragen usw.

Zum anderen, indem er seinen verbleibenden Energiebedarf Schritt für Schritt durch neue, gewaltarme und dezentrale Energien ersetzt. Am besten durch solche, die er selbst geerntet bzw. umgewandelt hat. Zum Beispiel mit kleinen Photovoltaikanlagen oder Blockheizkraftwerken.

Die Transformation unserer Energiegewohnheiten ist machbar und spannend, auch wenn sie bisweilen etwas anstrengend ist. Aber sind diese Anstrengungen nicht das Mindeste, was wir tun können, um die Ursachen der Flucht sowie das mit ihr einhergehende Leid sofort effektiv zu bekämpfen?

 

Foto: © Raimond Spekking/CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)