Immer wieder erreichen uns Fragen zur Durchleitung von Strom:

  • Kann man als privater Stromproduzent seinen überschüssigen Strom durch das Netz an eine entfernte Bezugsstelle leiten?
  • Was muss man dafür an Durchleitungsentgelten bezahlen?
  • Hat der Netzbetreiber die Pflicht, den Strom von Privatpersonen durch sein Netz zu leiten?
  • Oder ist es gar verboten, privaten Strom durch das Netz zu leiten?

All diesen Fragen gemein ist das Bild vom Stromnetz als einem Verkehrswegesystem wie dem Straßennetz, bei dem der Strom an Punkt A losfährt um an Punkt B anzukommen, wofür eine Maut zu zahlen ist. Obwohl intuitiv richtig und genährt durch die öffentliche Diskussion um so genannte Stromautobahnen, entspricht dieses Bild nicht dem Modell, mit dem in Deutschland die Netznutzung und -finanzierung geregelt ist.

Bei der Netznutzung wird oft die Metapher vom Stromnetz als See bemüht. Mit entsprechender Erlaubnis vom Netzbetreiber darf grundsätzlich jeder Strom aus dem See entnehmen oder Strom in den See einspeisen. Entnahmen und Einspeisungen müssen sich jedoch immer die Waage halten, damit der Wasserstand im See, die Netzfrequenz, immer konstant ist. Massengeschäftstauglich organisiert wird das Ganze über so genannte Bilanzkreise, in denen Tausende von Entnahme- und Einspeisestellen zusammengefasst werden können, und für deren Ausgleich der jeweilige Bilanzkreisverantwortliche zuständig ist.

Die Teilnahme am Bilanzkreissystem ist aufwendig und verursacht bei allen Beteiligten interne Kosten, ist per se aber kostenfrei, d. h. die Netzbetreiber dürfen dafür kein Geld verlangen. Wie aber finanzieren sie dann ihre Stromnetze?

Die Konvention in Deutschland will es, dass die Netzbetreiber ihre Kosten und Gewinne innerhalb bestimmter Höchstgrenzen ausschließlich auf die Letztverbraucher von Strom umlegen, und zwar abhängig von deren tatsächlich in Anspruch genommener elektrischer Arbeit oder Leistung. Die Frage, wo der Strom herkommt, den ein Letztverbraucher nutzt, spielt dabei keine Rolle.

Bei mehreren Hundert deutschen Verteilnetzbetreibern mit teilweise sehr unterschiedlichen Kostenstrukturen kann dies zu interessanten Effekten führen. Fiktives Beispiel: Ein Bilanzkreis wird von einem Windrad an der Nordseeküste gespeist. Im selben Bilanzkreis eine Bezugsstelle in Flensburg auf teurem, da unlängst modernisiertem, Verteilnetz. In Oberammergau eine weitere Bezugsstelle auf billigem, da bereits abgeschriebenem, Verteilnetz. Alles ordnungsgemäß bilanziert aber mit dem seltsamen Ergebnis, dass aufgrund niedriger lokaler Netzkosten der Letztverbraucherpreis für den gleichen, im Hohen Norden produzierten Strom in Oberammergau niedriger ist als in Flensburg.

Fazit: Nach heutiger Konvention gibt es weder eine Durchleitung von Strom durch ein Verkehrswegesystem Stromnetz noch eine damit verbundene Maut. Stattdessen tut das deutsche Bilanzkreissystem so, als ob Angebot und Nachfrage im Stromsee immer sofort ausgeglichen sind ─ egal, wie weit entfernt sie voneinander sind. Im einem zunehmend dezentralen Stromsystem, was spräche eigentlich dagegen, dass Netz über entfernungsabhängige Durchleitungsentgelte zu finanzieren? Vielleicht am ehesten, dass wir vom schönen Bild eines Stromsees Abschied nehmen müssten.

 

Beitragsbild: Leridant
Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

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