People Power

Ich kann mich noch sehr genau erinnern, wie ich nach der Geburt meines Sohnes eilig zu einem einschlägig bekannten Fachhandel für Elektroartikel gerannt bin, um mir eine Video-Kamera zu kaufen. Ich entschied mich für die damals recht neue Sony Camcorder Serie mit Mini DV-Kassetten und konnte dann auch die ersten Momente festhalten. Kein HD, kein Dolby oder 3D. Alles nur analog. Die Wiedergabe der Filme lief über Kabel am Fernseher, ohne Probleme. Die weitaus größeren Probleme gab es mit der Anfrage aus der Verwandtschaft, die Filme auch sehen zu können. Wie kopiere ich diese Filme? Wie bearbeite ich sie und wie übertrage ich Mini DV zu VHS? Oh je, alles nicht so einfach und nur machbar mit Investitionen in Hardware!

Ein paar Jahre (2005) später ging Youtube an den Start und es war theoretisch machbar, die eigenen Filme mit Familie und Freunden zu teilen. Endlich waren die Konvertierungsprobleme vorbei. Einfach filmen, hochladen und den Link versenden. Die ersten Filme auf Youtube waren alles andere als qualitativ hochwertig. Sie waren verpixelt, verwackelt und zum Teil ohne jegliche Spannung in der Erzählmethodik. Sie waren aber authentisch, voller Energie, ungeschminkt und veränderten damit Sichtweise auf Videos und Filme. Diese Veränderung ist sogar gravierender als die damals durch MTV eingeläutete Zeit.


Presidents of the United State – Video killed the Radio Star

Um Filme zu erzeugen braucht man längst keine komplizierten Videokameras mehr. Mittlerweile erzeugt fast jedes Handy, MP3-Player oder Fotokamera HD-Filme in passabler Qualität.

Genauso schleichend hat sich in den letzten Jahren im Energiesegment einiges verändert. Stromproduktion ist schon längst kein Privileg der Stromkonzerne mehr. Immer mehr Personen bzw. Haushalte produzieren das ganze Jahr über Strom. Und sie produzieren weitaus mehr, als sie selber benötigen. Dies wird langfristig zu einschneidenden Veränderungen führen. Genau wie es der Film- und Musikbranche in den vergangenen Jahren ergangen ist, so werden die Energiekonzerne und die Stadtwerke ihre Monopolstellung verlieren und im täglichen Energieaustausch immer belangloser.

Natürlich reicht die privat produzierte Strommenge, bislang nicht aus, um alle Haushalte zu versorgen. Auch die derzeit noch unkonstante Stromproduktion wird zurzeit diskutiert. Andererseits nimmt die Anzahl derjenigen Haushalte, die Strom produzieren, stetig zu. Die Wachstumsrate der letzten Jahre ist beachtlich. Und sie wird mit Sicherheit noch zunehmen. Die Technik und die Hardware ist mit den Jahren wesentlich erschwinglicher geworden und der Trend geht zu noch kompakteren und günstigeren Modulen. In weniger als 10 Jahren wird es selbstverständlich sein, dass jedes Haus seinen eigenen Stromgenerator auf dem Dach oder im Keller hat. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie wir alle zu privaten kleinen Filmemachern mutiert sind, werden wir bald auch zu Stromproduzenten.

Digitale Communinities (Facebook, Youtube, etc.) bergen Chancen für jeden von uns. Dank perfekter Vernetzung wird uns vieles im Leben erleichtert, was wiederum jeden einzelnen stark macht.

Ach ja, die Kamera habe ich immer noch. Mein Sohn, inzwischen 14 Jahre alt, wollte für sein Referat ein Filmchen drehen. Somit vermachte ich ihm die Kamera und erklärte ihm mühselig, wie die Elektronik funktioniert. Zusätzlich überreichte ich ihm auch das dicke Handbüchlein. Die Begeisterung für das analoge System reichte gerade mal nur einige Stunden. Er dreht lieber mit seinem iPod Touch. Er kann die Filme direkt bearbeiten, vertonen und mit seinen Freunden über Dropbox teilen. Und das alles ohne Handbuch.

 

Foto: Boa Nguyen

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